Was war die NVA ?!

Was war die NVA?

 

Die in vielen historischen Studien und in den Mainstreammedien präsentierten Urteile über die Armee der DDR orientieren sich zumeist am offiziösen Geschichtsbild der Bundesrepublik, das mit verdecktem erzieherischen Anspruch insbesondere den Ostdeutschen vermittelt werden soll. Doch Wertungen, die sich an den aktuellen ideologischen Prämissen politischer Akteure der heutigen Bundesrepublik orientieren, sind analytisch sinnlos. Sie erzeugen allerdings ein Zerrbild der DDR-Geschichte – was durchaus beabsichtigt ist.

Und so stellt sich auch heute noch die Frage nach dem Charakter dieser Truppe, danach, was diese Armee im Kern ausmachte und welche Rolle sie in der Gesellschaft spielte. Die Beantwortung dieser Frage ist Teil der Auseinandersetzung um die Deutungshoheit über den Staat DDR. In diesem Zusammenhang ist es hilfreich, den politischen Kontext jener Zeit zu berücksichtigen – vor allem die Entwicklung der DDR-Gesellschaft insgesamt und die wechselnden Herausfor-derungen der Blockkonfrontation.

 

Die NVA war jedenfalls kein Staat im Staate, wie das in der gewerbsmäßigen Aufarbeitungsretrospektive mitunter dargestellt wird, sondern integrierter Teil der DDR-Gesellschaft. Das galt besonders nach Einführung der Wehrpflicht im Jahr 1962. Die Armee war – positiv wie negativ – ein Spiegelbild der DDR. Alle sozialstrukturellen Verschiebungen und alle Veränderungen der politischen Stimmung in der Bevölkerung bildeten sich in der NVA konzentriert ab. Solange eine Mehrheit der Bürger für die DDR eine Zukunftsperspektive sah und das sozialistische System befürwortete, war auch in den Streitkräften die Akzeptanz des Staates und seiner Politik hoch. Mit der Verschlechterung der wirtschaftlichen Lage und der seit Anfang der 80er Jahre fortschreitenden Erosion des politischen Systems sanken auch in der Armee die Akzeptanzwerte für die offizielle Politik, was nicht ohne Wirkungen für die Moral der Truppe und die politische Orientierung ihres Führungskorps bleiben konnte. Schon in diesem Sinne war die NVA eine Volksarmee und keine elitär geprägte, von der Zivilgesellschaft abgeschottete Interventions- oder Bürgerkriegstruppe. Nur dadurch war die systematische Zerschlagung der DDR und ihrer Armee durch die mit erschreckender Willfährigkeit gegenüber Bonn agierende letzte Regierung des Landes überhaupt möglich.

Dass ein souveräner Staat die Landesverteidigung gegen mögliche Angriffe von außen organisieren muss, war allgemein akzeptiert – erklärtermaßen selbst von jenen Oppositionellen, die im Herbst des Jahres 1989 eine politische Erneuerung der DDR anstrebten. Daran mag sich mancher der damaligen Wendepolitiker allerdings nicht mehr erinnern.

Die Aufgabe der militärischen Sicherung des eigenen Landes und des Bündnisses machte – neben ihrer politischen Ausrichtung – im Kern die Identität und die Legitimation der Armee in der Gesellschaft aus. Das war für viele Soldaten – auch für jene im Grundwehrdienst – die Grundlage ihrer Dienstauffassung und politischen Haltung – jenseits der Politschulungen und martialischen Paraden. Mit der ausschließlichen Orientierung auf die Landesverteidigung unterscheidet sich diese klassische Wehrpflichtarmee deutlich von der heutigen, in diverse globale Interventionseinsätze verstrickten Bundeswehr. Die NVA hat im Übrigen bis zu ihrer Auflösung mit dafür gesorgt, dass die Bundeswehr an der Trennlinie der Systeme gebunden war und als Hilfstruppe für Militäraktionen der Vereinigten Staaten außerhalb des NATO-Bündnisgebietes nicht zur Verfügung stand.

 

Auch die Mehrheit der Soldaten im Grundwehrdienst hat trotz aller Belastungen den Dienst mit Anstand absolviert, so wie sie ihre Pflicht am zivilen Arbeitsplatz erfüllt hat. Mehr kann ein Staat in Friedenszeiten von seinen Bürgern nicht verlangen. Der Wehrdienst war für die männlichen Jugendlichen des Landes zwar eine mitunter lästige Zäsur, aber doch auch selbstverständlicher Bestandteil des Lebens als Staatsbürger. Er war als normaler Teil der individuellen Biografie mehrheitlich akzeptiert, auch wenn die damit verbundenen Zwänge und Entbehrungen keine Begeisterung auslösten. Die Wehrpflichtigen haben ihre militärischen Pflichten erfüllt. Sie taten das trotz oft mangelhafter Unterbringungs- und Verpflegungsbedingungen sowie karger Freizeitangebote in den Standorten. Sie taten es trotz der häufig nervtötenden Langeweile des Kasernenalltags und mancher Auswüchse der sogenannten EK-Bewegung. Sie erfüllten ihre Dienstpflichten unter den Bedingungen ständiger Gefechtsbereitschaft und ertrugen zähneknirschend die damit ver-bundenen negativen Konsequenzen für Ausgangs- und Urlaubsregelungen. Damit legitimierten sie zugleich den Staat DDR, der ihnen den militärischen Dienst abverlangen musste. Ohne dieses traditionelle Pflichtethos der Wehrpflichtigen und Berufssoldaten, ohne ihr Engagement, ohne ihre Bereitschaft zur Improvisation hätte die Armee im Dienstalltag ihre Aufgaben nicht erfüllen können. Dazu konnte die Soldaten niemand zwingen, das haben sie aus Verantwortungsgefühl und Kameradschaft getan. Und das verdient auch heute noch Anerkennung. Das gilt auch für die Angehörigen und Familien der Soldaten. Sie mussten die mit dem Dienstalltag verbundenen Belastungen mittragen. Sie ertrugen lange Trennungen, häufige Umzüge und die Tristesse mancher Stationierungsorte. Ohne ihr Verständnis hätten die Soldaten der NVA ihren Dienst nicht professionell verrichten können.

 

Die NVA war weit mehr als ein militärisches Machtinstrument: Sie war für Generati-onen junger Männer eine der wichtigsten Sozialisationsinstanzen. Sie war ein Ort, wo junge Leute, die gerade die Lehre absolviert oder die Schulbank verlassen hatten, prägende Eindrücke erfuhren, wo (häufig unter Bedingungen extremer Belastung) Lebenserfahrungen vermittelt wurden. Der Dienst in den Streitkräften hat – trotz aller Widrigkeiten – den jungen Soldaten menschliche Reife vermittelt. In den Streitkräften wurden die Soldaten häufig bis an die individuellen Leistungsgrenzen gefordert. Man lernte etwas über sich selbst und konnte sich beweisen. Das eigene Handeln, die subjektiven Entscheidungen in Extremsituationen waren für den einzelnen und die Truppe, der er angehörte, von Bedeutung. So wurden Charaktere geformt. In der Armee wurde Führungswissen vermittelt und Führungsfähigkeit erprobt – Dinge, von denen viele junge Soldaten auch nach ihrer Entlassung in das Zivilleben profitierten.

 

Die NVA war zudem eine Organisation, wo jungen Leuten ohne Einschränkung eine enorme Verantwortung für Waffen, Kampftechnik und Menschen übertragen wurde. Der Staat hat in der Armee wie in kaum einem anderen Bereich der Gesellschaft jungen Menschen existenzielle Verantwortung übertragen und Vertrauen entgegen-gebracht. Das war ein nicht zu unterschätzender Motivationsfaktor, der die Bindung vor allem der Zeit- und Berufssoldaten an den Staat und das politische System gestärkt hat. Hinzu kam für viele junge Soldaten die oft völlig unpolitische Faszination des Umgangs mit moderner Technik oder die Tatsache, dass bestimmte Lebens-träume eben nur in militärischen Berufen – etwa als Kampfpilot – zu realisieren waren. Das sind wesentliche Gründe, warum ehemalige Soldaten der NVA ihren Dienst im Rückblick in der Regel differenziert und fair bewerten und mit den heute üblichen Pauschalverdammungen dieser Armee wenig anfangen können.

 

Die NVA war als Koalitionsarmee ein wesentlicher Garant für die Aufrechterhaltung des militärischen Gleichgewichts im Kalten Krieg – ein Beitrag zur Friedens-sicherung, der von manchem Kritiker dieser Armee im Rückblick gerne ausgeblendet wird. Was der Bundeswehr zugebilligt wird – nämlich im Rahmen ihres Bündnisses durch Abschreckung einen Beitrag zur Verhinderung eines Krieges geleistet zu haben, möchte man der NVA absprechen. Hier wird aus ideologischen Gründen mit zweierlei Maß gemessen – ein Verfahren, das unredlich ist, weil es die damalige Realität ausblendet. Die DDR war ein Produkt des Auseinandersetzung zwischen der UdSSR und den USA. Sie hat sich im Rahmen ihres Bündnisses den damit verbundenen Verpflichtungen nicht entziehen können und – oft widerstrebend – wachsende ökonomische und militärische Beiträge für die Bündnissicherheit erbracht. Das Ergebnis war eine hochmodern ausgerüstete, gut ausgebildete Streitmacht, die ihre primäre Aufgabe in der wirksamen militärischen Abschreckung eines potentiellen Angreifers sah. Diese Mission hat die NVA mit hoher Professionalität erfüllt. Dafür muss sich niemand entschuldigen, darauf können die ehemaligen Soldaten des untergegangenen Staates DDR stolz sein. Und es ist in diesem Kontext völlig unerheblich, was aktuell von politisch interessierter Seite an herabwürdigenden und mitunter ehrabschneidenden Wertungen über diese Armee publiziert wird. Wer den Staat DDR delegitimieren will, kommt naturgemäß ohne Angriffe auf ihre Armee nicht aus. Doch dieser durchsichtige kommunikations-politische Ansatz greift nicht, solange ehemalige Soldaten der NVA zu ihren Biografien stehen und ihre Lebenserfahrungen weitergeben. Dabei geht nicht um eine nachträgliche Glorifizierung der NVA oder um einen Kult des Militärs, sondern um die Berücksichtigung der Bedingungen des Kalten Krieges. Es geht um die Akzeptanz der unter diesen Bedingungen erbrachten Lebensleistungen ehemaliger Soldaten der NVA. Sie trugen mit ihrem Engagement dazu bei, dass der damals jederzeit mögliche finale nukleare Schlagabtausch der Militärblöcke nicht stattfand. Die Soldaten der NVA haben einen Teil ihrer Lebenszeit dieser Aufgabe geopfert. Dafür gebührt ihnen Respekt.

 

Dr. Uwe Markus, Oberleutnant a.D., Panzerregiment 22, 9. Panzerdivision

 

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