Ordnungsmacht Russland

Ralf Rudolph/Uwe Markus

 

Solange der wirtschafts- und machtpolitische Konsolidierungsprozess Russlands in den Anfängen steckte und mancher Akteur im Kreml noch Illusionen über die Potentiale einer Zusammenarbeit mit dem Westen pflegte, musste man die Vereinigten Staaten als letzte verbliebene Weltmacht gewähren lassen. Doch spätestens mit dem Angriff des von den USA militärisch unterstützten Georgiens auf Südossetien und Abchasien im August 2008 war für den Kreml eine rote Linie überschritten worden. Nunmehr zeigte sich die russische Führung zunehmend entschlossen, einer Verletzung der nationalen Interessen Russlands gegebenenfalls auch mit militärischen Mitteln zu begegnen. Außerdem bemühte man sich intensiv um eine Stärkung der internationalen Organisationen sowie um die Bildung neuer strategischer Allianzen etwa im Rahmen der BRICS-Gruppe (Brasilien, Russland, Indien, China, Südafrika), um den geopolitischen Entscheidungsspielraum der Vereinigten Staaten zumindest ansatzweise begrenzen zu können. Moskau sieht erklärtermaßen den Schlüssel für die Lösung internationaler Probleme in der Akzeptanz der sich herausbildenden globalen Multipolarität und in der Zusammenarbeit der verschiedenen Machtzentren. Der Verlauf des Krieges in Syrien und das Erstarken der Terrororganisation Islamischer Staat (IS) vermitteln eindringlich, dass nur ein solcher Ansatz zielführend sein kann. 

Denn die Vereinigten  Staaten waren nicht nur offenkundig unwillig, ein tragfähiges Konzept zur politischen Lösung des Konfliktes zu entwickeln, sie erweisen sich vielmehr durch ihre verdeckten und offenen Interventionen in der Region als Teil des Problems. Insofern demonstriert Russland mit seinem begrenzten militärischen Engagement in Syrien und den parallel vorangetriebenen politischen Initiativen vor der Weltöffentlichkeit ein völlig anderes Herangehen als die Vereinigten Staaten und deren Verbündete. Russland profiliert sich so als Akteur, der sein militärisches Potential nicht für eine Befeuerung des Konfliktes, sondern für die Anbahnung längerfristig tragfähiger Verhandlungslösungen einsetzt. Die wiedererstarkte Weltmacht verfügt nun wieder über die Mittel dafür. Dieser Sachverhalt und die gerade in dieser Region offenkundig werdende geopolitische Inkompetenz amerikanischer Entscheidungsträger werden offensiv kommuniziert. Die politische Wirkung ist wohlkalkuliert und stärkt all jene Staaten, die auf eine von verbindlichen Regeln getragene Qualität der internationalen Beziehungen setzen.

Unterhalb dieser allgemeinen Erklärungsebene gibt es weitere gewichtige Faktoren, welche die aktuelle russische Syrienstrategie beeinflussen: Die UdSSR war traditionell bereits vor der Gründung des Staates Israel in der Region politisch und militärisch engagiert. Nachdem sich Anfang der 50-er Jahre die Hoffnungen zerschlagen hatten, dass Israel ein Staat mit sozialistischer Perspektive und ein Verbündeter der UdSSR werden könnte, setzte Moskau auf die Unterstützung der arabischen Staaten Ägypten, Irak und Syrien gegen das vor allem von den USA protegierte Israel. Neben der wirtschaftlichen Zusammenarbeit spielten vor allem die militärische Ertüchtigung der Armeen dieser Staaten und die Lieferung von Waffen eine Rolle. Nach dem außenpolitischen Kurswechsel Ägyptens unter Präsident Anwar al Sadat waren vor allem die Beziehungen zu Syrien und zu dessen militärischer Funktionselite besonders eng.

Und im syrischen Hafen Tartus konnten seit dem Jahr 1967 im Mittelmeer operierende sowjetische Schiffe – unter anderem des 5. Operativen Marinegeschwaders der Seekriegsflotte – festmachen, deren Aufgabe es war, ein Gegengewicht zur 6. US-Flotte zu bilden. In den 80-er Jahren operierten ständig bis zu 50 sowjetische Kriegsschiffe im Mittelmeer. Der eher bescheiden dimensionierte Marinestützpunkt umfasste eine Fläche von etwa 1,5 Hektar und diente vorzugsweise als Versorgungsbasis für die Übernahme von Proviant und Treibstoff. An den zwei Pontonanlegern konnten maximal vier Schiffe mit maximal 120 Metern Länge festmachen.

Mit dem Zerfall der UdSSR spielte dieser Hafen in den Überlegungen russischer Strategen zunächst nur noch eine marginale Rolle. Die russische Flotte war im Mittelmeer kaum noch präsent, der Stützpunkt wurde eher selten als Notversorgungshafen genutzt. Erst seit dem Sommer des Jahres 2008 wurde die Marinebasis wieder intensiver genutzt und teilweise ausgebaut. So brachten im Juli 2009 zwei russische Schlepper ein schwimmendes Dock zur Ergänzung der noch vorhandenen Ausstattung in den Hafen. Außerdem wurde eine Abteilung der Reparaturwerft der russischen Schwarzmeerflotte in Tartus stationiert. Seither waren in dem Stützpunkt ständig zwischen 20 und 50 Mann Besatzung untergebracht. 2012 begann Russland mit einer Verstärkung seiner Marinepräsenz im Mittelmeer – unter anderem im Zusammenhang mit der Eskalation der Lage in Syrien. Bis zum Ausbruch des Bürgerkrieges unterstützte man die syrische Armee mit Militärberatern und verkaufte der syrischen Regierung Waffen, doch im Grunde war mit Beginn des Syrienkonflikts im Kreml die Neigung recht gering, sich militärisch auf Seiten der syrischen Regierung mit eigenen Kräften zu engagieren. Seit Ende 2012 evakuierte man russische Bürger aus Syrien – unter anderem, weil diverse Terrororganisationen dazu aufgerufen hatten, Russen im Land anzugreifen und zu töten. Moskau setzte sich derweil für die Anbahnung von Verhandlungslösungen ein und verwies bereits zu diesem Zeitpunkt immer wieder auf die unkalkulierbaren Risiken, die sich aus der Infiltration der verschiedenen vom Westen unterstützten Rebellengruppen durch islamistische Kräfte ergeben könnten.

 

tl_files/tvnva/bilder/russlandalsordnungsmacht/Panzyr-S1 im Einsatz.jpg

 

Die Unterstützung für die syrische Regierung beschränkte sich in erster Linie auf diplomatische Aktivitäten und die Lieferung von Waffen und militärischem Nachschub. Doch offenbar hatte man das destruktive Potential der vom Westen munitionierten Rebellengruppen und des in das Machtvakuum hineinstoßenden IS unterschätzt und die militärischen Fähigkeiten der relativ modern ausgerüsteten syrischen Armee überschätzt. Damit war nicht nur die Zukunft des säkularen syrischen Staates infrage gestellt, sondern auch die Perspektive des russischen Marinestützpunktes. Und dessen strategische Bedeutung wuchs mit dem Ausbrechen des Ukrainekonflikts. Denn die damit verbundene erneute Konfrontation mit der NATO und vor allem mit den USA erhöht die Bedeutung der Halbinsel Krim und der dort stationierten Schwarzmeerflotte. Und wenn diese Flotte nicht nur im Schwarzen Meer, sondern perspektivisch auch verstärkt im Mittelmeer operieren soll, um amerikanische Einsatzoptionen zu begrenzen, ist der Marinehafen Tartus wieder von besonderem Interesse. Also nutzten die russischen Militärs diesen Hafen sowie die Luftwaffenstützpunkte Hmeimim und Latakia als Ausgangsbasis für die Unterstützung syrischer Regierungstruppen, um in einer ersten Operationsphase die unmittelbare Bedrohung beider Einrichtungen durch regierungsfeindliche Gruppierungen zu beseitigen.


Die Unterstützung des Westens für die Kiewer Putschisten hat somit nicht nur letzte russische Illusionen über die Absichten der USA im postsowjetischen Raum zerstört, sondern – ungewollt – die klare Parteinahme Moskaus für die Assad-Regierung und die direkte militärische Intervention russischer Streitkräfte im Bürgerkrieg befördert. Zu besichtigen ist das von kurzfristigem Wunschdenken geprägte Agieren amerikanischer Politstrategen und deren Scheitern in der realen Welt.

Mit seinem Eingreifen bemüht sich Moskau zudem um die Lösung eines latenten politischen und militärischen Problems, welches Russland und andere Republiken des postsowjetischen Raumes unmittelbar betrifft: Die militärische Durchschlagskraft des Islamischen Staates und das glücklose Agieren der Vereinigten Staaten und ihrer Verbündeten in diesem Krieg bescherten der Terrororganisation große Mobilisierungs- und Rekrutierungserfolge im Kaukasus und in Mittelasien. Will man einen Vorstoß des IS in die Nähe der mittelasiatischen Staaten und die Infiltration durch eine islamistische 5. Kolonne aus kampferprobten IS-Kämpfern verhindern, muss man diese Kontingente dort zerschlagen, wo sie aktuell eingesetzt werden – unter anderem in Syrien. Nur so können Nachahmungseffekte abgeschwächt und Rekrutierungsquellen für islamistische Terrorgruppen in den ehemaligen Sowjetrepubliken Mittelasiens und in der Kaukasusregion verschlossen werden. Mit dem Militäreinsatz in Syrien versucht der Kreml, diese Bedrohung russischer Sicherheitsinteressen im postsowjetischen Raum präventiv und dauerhaft zu verringern.

Und dieses Vorgehen zeitigt unbestreitbar Erfolge, was im Westen und vor allem im Mittleren Osten durchaus zur Kenntnis genommen wird.

Das Moskauer Verteidigungsministerium teilte Anfang November 2015 mit, dass die russische Luftwaffe in Syrien bereits mehr als 1000 militärische Ziele und Infrastrukturobjekte der diversen Terrormilizen vernichten konnte. Darunter waren 267 Befehls- und Kommandostellen, 52 Ausbildungslager, 40 Fabriken und Manufakturen zur Waffenherstellung sowie 155 Munitions- und Kraftstofflager.

tl_files/tvnva/bilder/russlandalsordnungsmacht/Einsatz der Mi-24 in Syrien.jpg

Die militärische Zielstellung dieser Luftschläge besteht offenbar darin, die syrischen Regierungstruppen bei der Beseitigung der ineinander übergehenden Einflussbereiche verschiedener Terrorgruppierungen und der Wiedererlangung der Kontrolle über ein zusammenhängendes Rumpfterritorium des syrischen Staates zu unterstützen. Das ist nicht nur von militärischer Bedeutung, sondern stärkt die internationale Verhandlungsposition der syrischen Regierung, weil es ein Indikator für deren Handlungsfähigkeit ist. So konnte Anfang November eine strategisch wichtige Straßenverbindung nach Aleppo von der syrischen Armee freigekämpft und gesichert werden. Damit sind auch die Nachschublinien für die im Nordteil Aleppos kämpfenden Regierungstruppen wieder frei. Zugleich attackierte die russische Luftwaffe Kommando- und Logistikstützpunkte des Islamischen Staates. Dabei geht es um die Desorganisation der militärischen Führung des Gegners durch die Kappung seiner internen Kommunikationsverbindungen sowie um das Ausschalten seiner kampfunterstützenden Ressourcen und die Unterbrechung seiner Nachschubwege. Die effektive russische Luftunterstützung erwies sich als Voraussetzung dafür, dass die nach vier Jahren Krieg abgekämpfte syrische Armee wieder zu größeren Angriffsoperationen übergehen und die Initiative zurückgewinnen konnte. Der psychologische Effekt für die Kampfeinheiten der syrischen Armee und den zur Regierung loyal stehenden Teil der Bevölkerung ist sicher ebenso bedeutsam wie die direkte russische Waffenhilfe.

tl_files/tvnva/bilder/russlandalsordnungsmacht/orlan-10.jpg

Die konkreten Ziele für die russischen Luftangriffe werden ausschließlich mittels jener Informationen ermittelt, die rund um die Uhr vom russischen Aufklärungssatelliten Persona N2 und von taktischen Drohnen des Typs Orlan-10 geliefert werden. Die russischen Einsätze werden zudem generell in einem mit Syrien, dem Iran und dem Irak gebildeten Koordinierungsstab sowie bilateral mit dem jordanischen Militär abgestimmt. Damit hat die russische Kommandostruktur in Syrien einen Zugriff auf die Aufklärungsergebnisse der beteiligten Staaten über den IS, die mit eigenen Erkenntnissen abgeglichen werden können. Dass mit diesen militärischen Koordinierungsstäben zugleich die von den Vereinigten Staaten in der Vergangenheit mit großem Aufwand geschaffenen politischen und militärischen Abhängigkeiten relativiert werden, ist ein interessanter Nebeneffekt des Verfahrens. Selbst Israels Ministerpräsident wurde im Vorfeld des russischen Syrieneinsatzes informiert und somit indirekt eingebunden.

Bei den Luftschlägen kommt überwiegend das taktische Erdkampfflugzeug Su-25 zum Einsatz – ein im Kampf gegen Bodenziele bewährtes Waffensystem. Die neue Modifikation der Su-25, die den Hauptanteil des russischen Flugzeugbestandes in Syrien ausmacht, ist mit einem Laserzielkomplex ausgerüstet, der ein metergenaues Treffen des Zieles mit lasergesteuerten Raketen oder Bomben aus sicherer Entfernung ermöglicht. Außerdem hat das Flugzeug eine schusssichere Verkleidung unterhalb des Rumpfes, die Schutz vor der vorrangig mit 30-mm-Maschinenkanonen ausgerüsteten IS-Luftabwehr bietet.

tl_files/tvnva/bilder/russlandalsordnungsmacht/Frontbomber Su-25.jpgtl_files/tvnva/bilder/russlandalsordnungsmacht/Su-34-1.jpg

Der auch in Syrien im Einsatz befindliche Mehrzweckbomber Su-34 hatte seine Feuertaufe im 5-Tage-Krieg gegen Georgien im Jahr 2008. Die in diesem Konflikt sehr erfolgreiche Maschine kann Präzisionswaffen aus großen Entfernungen und Höhen einsetzen, die außerhalb des Schussfeldes der IS-Flugabwehr liegen. So wurde z. B am 3. Oktober 2015 von einer Su-34 aus fünf Kilometern Höhe eine 500 Kilogramm schwere betonbrechende Bombe zielgenau gegen einen Kommandopunkt des IS in der Nähe des Dorfes Rakka eingesetzt. Neben der Vernichtung des Stabes kam es zur Explosion des dazugehörigen Munitionslagers. Am gleichen Tag wurde durch eine andere Su-34 das verbunkerte Lager des Islamischen Staates im Gebiet Maaret-En-Huuman ebenfalls mit einer 500 Kilo-Bombe des Typs KAB-500 angegriffen und eine Munitionsfabrik, ein Munitionslager und ein Ausrüstungslager völlig zerstört. Im Unterschied zu westlichen Bomben dieser Art nutzt die KAB-500 zur Steuerung ihres Fluges zum Ziel nicht nur die Satellitensysteme GPS oder GLONASS, sondern vergleicht auch die während des Fluges mit ihrer im Suchkopf befindlichen Telekamera aufgenommenen Bilder der Erdoberfläche mit einer ihr vorher eingegebenen Videokarte des Gebietes.

 

tl_files/tvnva/bilder/russlandalsordnungsmacht/Von links nach rechts Gesteuerte Bomben KAB-500 KR und KAB-500.jpg

In besonderen Fällen werden von den Su-34-Bombern superschwere lasergesteuerte Bomben KAB-1500 eingesetzt. Das Flugzeug kann nur zwei dieser jeweils 1,5 Tonnen schweren Bomben tragen, die ausschließlich gegen stark befestigte Ziele eingesetzt werden. Der Sprengkopf kann sich bis zu 20 Meter in den Boden einbohren und drei Meter starke Betonwände durchschlagen. Zur Vernichtung von strategischen Zielen durch die Frontbomber Su-25 und Su-34 werden die lasergesteuerten Raketen des Typs CH-29 eingesetzt. Das Ziel wird vom Piloten mittels eines Laserstrahles erfasst und die Rakete auf dem Strahl auf zwei Meter genau ins Ziel geführt. Bei einem Sprengkopf von 250 Kilogramm ist die Zerstörung des Zieles in der Regel garantiert.

tl_files/tvnva/bilder/russlandalsordnungsmacht/Rakete CH-29 X-29 mit Laserlenksystem.jpg

Die Jagdbomber und Erdkampfflugzeuge werden bei ihren Fronteinsätzen durch die wendigen Jagdflugzeuge des Typs Su-30 begleitet und gedeckt. Die russischen Fliegerhorste in Latakia und Hmeimim werden von Einheiten der Marineinfanterie und einem begrenztem Kontingent schwerer Waffen, so auch durch Kampfpanzer T-90, geschützt. Für die Sicherung der Stützpunkte werden auch die seit vielen Jahren bewährten Kampfhubschrauber des Typs Mi-24 und für die logistische Sicherstellung Transporthubschrauber des Typs Mi-8 eingesetzt.

 

tl_files/tvnva/bilder/russlandalsordnungsmacht/Fregatte Admiral Gorschkow (Projekt 22350) hat 16 Fluegelraketen 3M14 am Bord.jpg

Für besonderes Aufsehen in der westlichen Öffentlichkeit und vor allem in den Kommandostäben der NATO sorgte am 7. Oktober 2015 der Einsatz russischer seegestützter Marschflugkörper gegen Stützpunkte des Islamischen Staates. Die 26 Marschflugkörper 3M-14 des Waffensystems ZK-14 Kalibr-NK wurden von Schiffen der russischen Seekriegsflotte im Kaspischen Meer aus gestartet. Mit Genehmigung der jeweiligen Regierungen überflogen sie das Staatsgebiet des Iran und des Irak. Die Ziele in Syrien wurden nach einem Flug über eine Distanz von 1500 Kilometern mit einer Genauigkeit von drei bis fünf Metern getroffen und vernichtet. Die militärische Aufgabe wäre sicherlich auch durch die russische Luftwaffe in Syrien zu lösen gewesen. Marschflugkörper werden in der Regel nur dann eingesetzt, wenn operativ-taktische Raketen nicht verfügbar sind oder die Ziele diesen Aufwand nicht rechtfertigen. Gleiches gilt, wenn die Gefahr hoher Verluste der eigenen taktischen Fliegerkräfte besteht, wenn eine starke gegnerische Radaraufklärung umgangen oder unterflogen werden muss oder wenn Ziele bekämpft werden müssen, die außerhalb der Reichweite eigener taktischer Fliegerkräfte liegen. Keiner dieser Gründe traf für den Einsatz der russischen Marschflugkörper zu.

 

Die Aktion war eine militärpolitische Demonstration, die im Westen auch so verstanden wurde. Russland zerstörte nicht nur die IS-Kommandopunkte, sondern auch die bisherige Vorstellung westlicher Strategen, die Bewaffnung der russischen Luftwaffe und Marine beschränke sich auf alte konventionelle Waffen. Doch Russlands Rüstungsindustrie hat den bei solchen Waffensystemen seit den 1990-er Jahren zu konstatierenden Rückstand von etwa zehn Jahren gegenüber dem Westen offenbar aufgeholt. Der Angriff mit Marschflugkörpern vom Kaspischen Meer und die Verwendung hochpräziser Bomben und Raketen durch die russische Luftwaffe sollten die heutigen Möglichkeiten der russischen Streitkräfte verdeutlichen und den Westen vor einer Einmischung in die laufende Militäroperation warnen.Noch ein anderer Aspekt des Angriffs vom 7. Oktober war für NATO-Militärs schockierend: Bisher hatte man geglaubt, dass Russland militärisch nicht in der Lage ist, sich auf eine konventionelle Konfrontation mit der US-Marine einzulassen. Doch wie sich nun herausstellt, sind russische Kriegsschiffe im Schwarzen- und Mittelmeer, sogar vom Kaspischen Meer aus, in der Lage, Ziele im westlichen und östlichen Mittelmeer sowie im Persischen Golf auf See und an Land anzugreifen und zu vernichten. Die russische Ostseeflotte könnte sogar in Zukunft mit Flügelraketen  die Nordsee, den Ärmelkanal und einen Teil des Europäischen Nordmeeres sowie deren Anrainerstaaten ins Visier nehmen. Russland und China können zudem gemeinsam Washington ernsthaft in strategische Bedrängnis bringen, wenn sie vor den Küsten der USA ihre U-Boote und Kriegsschiffe mit weitreichenden Marschflugkörpern stationieren. Außerdem bieten solche Waffensysteme die Möglichkeit, das US-Konzept Prompt Global Strike zumindest partiell zu neutralisieren. Denn die Vereinigten Staaten müssten damit rechnen, dass auf die von ihnen ausgelösten unmittelbaren Angriffschläge gegen missliebige Staaten ebenso prompt konventionelle Gegenschläge mit Marschflugkörpern erfolgen. Die Konsequenz eines solchen zunächst mit konventionellen Waffen geführten Schlagabtausches wäre unter Umständen die Eskalation zu einem mit Massenvernichtungsmitteln geführten Krieg. Die Risiken eines solchen Szenarios kannte man schon in den 70-er und 80-er Jahren. Bereits damals war offenkundig, dass die Idee einer vom Westen gesteuerten Eskalation des Krieges, wie sie in der NATO-Strategie der Flexiblen Reaktion (Flexible Response) verankert war, unter realen Bedingungen nicht umzusetzen gewesen wäre. Die ultima ratio wäre ein finaler nuklearer Schlagabtausch gewesen, der alle beteiligten Akteure vernichtet hätte. Man wird sich wohl angesichts der neueren Entwicklungen in westlichen Stäben an diese nach dem Ende des Kalten Krieges verdrängte Erkenntnis wieder erinnern, was von russischen Strategen offensichtlich durchaus gewollt ist.Zudem demonstriert man, dass die taktisch-technischen Parameter der neuen russischen Marschflugkörper einen Vergleich mit US-Systemen nicht scheuen müssen. So wird die Reichweite der neuen russischen Flügelraketen 3M-14 des  Komplexes Kalibr-NK von russischen Militärs mit bis zu 2600 Kilometern angegeben (Reichweite eines seegestützten US-Marschflugkörpers Tomahawk: 2000 Kilometer).

Die 26 Flügelraketen wurden vom Küstenwachschiff Dagistan und drei Raketen-schiffen (Uglitsch, Grad Swijashsk und Weliki Ustjuk) der Kaspischen Flotte gestartet. Alle vier Schiffe haben je acht Flügelraketen des Komplexes Kalibr an Bord. Andere Schiffe der Kaspischen Flotte mit Flügelraketen für große Entfernungen gibt es noch nicht. Damit wurde am 7. Oktober fast der gesamte Bestand der an Bord befindlichen Flügelraketen 3M-14 der Kaspischen Flotte verschossen. Die Marschflugkörper flogen in einer Höhe von 80 bis 1300 Metern nach Syrien und führten dabei 147 Kursmanöver durch.

tl_files/tvnva/bilder/russlandalsordnungsmacht/fluegelrakete-3m14komplexeskalibr.jpg

Der Komplex ZK-14 Kalibr wurde 2012 in die russische Armee eingeführt. Er kann auf verschiedenen Trägern installiert werden, so auf U-Booten (Kalibr-PL), auf Überwasserschiffen (Kalibr-NK), auf mobilen Einrichtungen an Land wie z. B. Küstenschutzbatterien (Kalibr-M) und auf strategischen Bombenflugzeugen (Kalibr-A). Aber die zurzeit am meisten genutzte Modifikation ist die seegestützte. Die Flügelraketen 3M-14 und 3M-54 werden mit einem Feststoff-Triebwerk gestartet. Nach Verlassen des Startcontainers und Abwurf des Starttriebwerkes werden die Flügel und Stabilisatoren ausgeklappt. Das danach laufende Marschtriebwerk TPDD-50B ist ein kleines turboreaktives universelles Triebwerk, das in allen Modifikationen der Flügelraketen des Waffensystems Kalibr zum Einsatz kommt. Die Raketen 3M-14 und 3M-54 sind mit einem kombinierten Lenksystem ausgestattet. So garantiert der Höhenmesser RWE-B eine Flughöhe über dem Meer von minimal etwa 20 Metern und über Land von 50 bis 150 Metern. Das Lenksystem erhält seine Koordinaten durch ein vorher eingegebenes Programm und über die Satellitennavigationssysteme GLONASS oder GPS. Die Navigation auf dem letzten Teil des Fluges erfolgt bei der 3M-54 mittels eines selbstsuchenden Radarkopfes ARGS-14E, der auch sehr schwach reflektierende Ziele erkennen kann. Die Identifikation des Zieles in einem Pelingwinkel von 45° erfolgt aus einer Entfernung von 20 Kilometern. Der Gefechtsteil der Flügelraketen variiert von 250 bis 450 Kilogramm und kann mit herkömmlichen Splitter- oder Sprengladungen, aber auch mit nuklearen Ladungen versehen sein.

Jeweils acht Startcontainer sind in einem kompakten Senkrecht-Startmodul 3S-14-11442 M des Raketenherstellers Almaz-Antey zusammengefasst, aus denen die verschiedenen Raketentypen des Komplexes ZK-14 Kalibr – sowohl die Seezielflugkörper 3М-54 (Unterschall- bzw. Überschallmodifikation), die Unterschall-Raketen 3М-14 gegen Bodenziele und auch die U-Boot-Abwehrraketen 91RT – abgefeuert werden. Das Startmodul ist außerdem für den Einsatz der Überschall-Seezielflugkörper des Komplexes 3М-55 Onix (Reichweite: 375 Kilometer) und der noch in Entwicklung befindlichen Hyperschall-Rakete 3K-22 des Komplexes Zirkon ausgelegt. Die russischen Streitkräfte verfügen damit, so wie die NATO, über eine Gruppe miteinander kompatibler Waffensysteme mit breitem taktisch-operativen Einsatzspektrum.

Für westliche Militärexperten war insbesondere der senkrechte Start der fast acht Meter langen Flügelraketen von kleineren Raketenschiffen auf Binnengewässern überraschend. Die weitreichenden US-Marschflugkörper des Typs UGM-109 Tomahawk benötigen als Startplattform Schiffe, die nicht kleiner als Schlachtschiffe, Kreuzer oder große Atom-U-Boote sind.tl_files/tvnva/bilder/russlandalsordnungsmacht/US-Atom-U-Boot der Ohio-Klasse.jpg

In einem Kriegsfall hätten nun an Stelle großer monströser Flugzeugträger, Schlachtschiffe und Kreuzer wieder Jagd-Atom-U-Boote, kleinere Fregatten und sogar Raketenschiffe mit diesen Waffen neue taktische und operative Einsatzmöglichkeiten.

Die Verfügung Russlands über moderne seegestützte Marschflugkörper, die auch Ziele an Land bekämpfen können, ist für US-Strategen besonders schmerzhaft, weil sich die Vereinigten Staaten im Verlauf der Verhandlungen über die Vernichtung der Mittelstreckenraketen (INF-Vertrag), der im Dezember 1987 von US-Präsident Ronald Reagan und dem sowjetischen Staatschef Michail Gorbatschow unterzeichnet wurde und 1988 in Kraft trat, bei seegestützten Marschflugkörpern einseitige strategische Vorteile sichern konnten. In diesem Vertrag wurde festgelegt, dass beide Seiten ihre gegen Landziele gerichteten Raketen mittlerer (ab 1000 bis 5500 km) und geringerer (ab 500 bis 1000 km) Reichweite, einschließlich der zugehörigen Infrastruktur (Startanlagen und Führungszentren) zu vernichten haben. Das betraf neben allen Mittelstreckenraketen auch landgestützte Marschflugkörper (Flügelraketen) mit diesen Reichweiten. Auf Schiffen, U-Booten sowie auf Flugzeugen befindliche Mittelstreckenraketen und Marschflugkörper wurden jedoch auf Drängen der USA ausgeklammert. Die damalige Sowjetunion und später Russland verfügten jedoch über keine Flügelraketen, die von Schiffen aus gegen Landziele eingesetzt werden konnten. Jedoch bei Flügelraketen gegen Schiffe war sogar ein technischer Vorsprung gegenüber der NATO zu verzeichnen.

Der russische Angriff vom 7.Oktober auf die IS-Stützpunkte hat nunmehr gezeigt, dass das bisherige Monopol der USA auf dem Gebiet der gegen Landziele einzusetzenden seegestützten Langstrecken-Flügelraketen nicht mehr existiert. Admiral William Gortney, Befehlshaber des Nördlichen Luftraumverteidigungskommandos der USA (NORAD), sagte dazu. „Die Herausforderung, vor der wir stehen, besteht in der Gefahr der russischen Marschflugkörper von Fernfliegerkräften, U-Booten und anderen Unterwasser- und Überwasserschiffen.....Russland stellt qualitativ bessere Kräfte auf, als die Streitkräfte der ehemaligen Sowjetunion es waren, denn Vorrang hat heute Qualität. Sie haben jetzt eine andere Militärdoktrin.“

tl_files/tvnva/bilder/russlandalsordnungsmacht/Start einer Fluegelrakete 3M14 vom russischen Raketenschiff Uglitsch.jpg

Russland wird also mit hoher Wahrscheinlichkeit sein strategisches Militärpotential anders als die Vereinigten Staaten strukturieren und ökonomisch ruinöse Überrüstungen zu vermeiden trachten. Allerdings soll zukünftig insbesondere die Ausrüstung der russischen Marine mit Flügelraketen weiter vorangetrieben werden. Russland nutzt nun seinerseits die von den USA in den INF-Vertrag hineinverhandelte Lücke. Der Modernisierungsprozess der russischen Marine umfasst daher auch die Ausstattung bereits vorhandener und neu in Dienst zu stellender Schiffseinheiten mit dem neuen Waffensystem.Allerdings kann trotz der Demonstration der neuen militärtechnischen Möglichkeiten Russlands in diesem Waffensegment von einem Gleichstand mit den US-Streitkräften keine Rede sein: Alle Kriegsschiffe der fünf russischen Flotten, die bereits mit einem System Kalibr-NK ausgerüstet sind, können zur Zeit insgesamt nicht einmal so viele Flügelraketen starten, wie von nur einem der vier als Marschflugkörperträger umgebauten US-Atom-U-Boote der Ohio-Klasse eingesetzt werden können. Jedes dieser U-Boote ist mit 154 Marschflugkörpern UGM-109 Tomahawk bestückt. Der russische Militärexperte Wassili Kaschin warnte denn auch in der gazeta.ru: „Mit der US-Navy sind wir in verschiedenen Gewichtsklassen. Von einem Vergleich kann nicht die Rede sein. Die USA haben Kreuzer der Ticonderoga-Klasse – und jeder davon hat 122 Flügelraketen an Bord. Er kann fast mehr von den Dingern abfeuern, als unsere Kriegsmarine zurzeit insgesamt hat... Eigentlich ist es für Russland sinnlos, eine Kriegsflotte aufbauen zu wollen, die mit der US-Navy gleich stark ist. Unsere geographische Lage ist anders. Die wichtigsten Bedrohungen für uns, wie die Geschichte zeigt, kommen aus kontinentalen Richtungen. Über Russlands Zukunft wurde immer an Land entschieden.“

„In den kommenden drei Jahren werden wir die Anzahl unserer Flügelraketen auf das Dreifache und bis 2020 auf das Zehnfache vergrößern“ hatte Russlands Verteidigungsminister Sergej Schoigu bereits im Jahr 2013, ein Jahr nach der Truppeneinführung der ersten Flügelraketen des Komplexes Kalibr, angekündigt.

Zurzeit wird etwa der schwere atomgetriebene Raketenkreuzer Admiral Nachimow modernisiert. Bislang waren Anti-Schiff-Lenkflugkörper Granit (Nato-Code: SS-N-19 Shipwreck) seine Hauptbewaffnung. Die Modernisierung des Raketenkreuzers wird bis 2018 abgeschlossen sein. Die Admiral Nachimow soll mit zehn senkrechten Startmodulen 3S-14-11442 М ausgestattet werden. Da jede Anlage acht Abschusscontainer hat, kann der Kreuzer dann 80 Flügelraketen einsetzen. Gleichermaßen werden anschließend das Flaggschiff der Nordflotte, der atomgetriebene Raketenkreuzer Pjotr Weliki und der Kreuzer Admiral Laserow modernisiert. Die neuen, zum Teil noch im Bau befindlichen sieben atomaren Jagd -U-Boote der Jarsin-Klasse (Projekt 885), wie etwa die Sewerodwinsk, haben vier Module mit 32 Flügelraketen, die älteren Atom-U-Boote der Antey-Klasse (Projekt 949) werden nach der Modernisierung mit je neun Modulen für 72 Flügelraketen ausgerüstet. Die kleineren Schiffe wie die 20 geplanten neuen Fregatten des Projektes 22350 (Typ: Admiral Gorschkow) werden mit zwei Modulen pro Schiff (16 Flügelraketen) bestückt. Und die im Bau befindlichen sechs Fregatten für die Schwarzmeerflotte des Projektes 11356 (Typ: Admiral Grigorowitsch), die neuen Korvetten des Projektes 20385 (Typ: Gremjaschtschi), die kleinen Raketenschiffe des Projektes 21631 (Typ: Bujan-M) sowie die Küstenwachschiffe des Projektes 11661 (Typ: Dagestan) erhalten pro Schiff eine Startanlage für die Kalibr-Raketen. Es gibt auch Überlegungen, die noch vorhandenen und eingelagerten vier großen Atom-U-Boote der bereits ausgemusterten Akula-Klasse (Projekt 941) nicht zu verschrotten, sondern sie zukünftig als Startplattformen für die Marschflugkörper des Komplexes Kalibr zu nutzen – so wie es die USA mit vier Ohio-U-Booten bereits getan haben.

Solche Pläne sind Ausdruck des begründeten tiefen Misstrauens der russischen Führung gegenüber den Erklärungen und Aktivitäten der Vereinigten Staaten und der NATO. Denn die von den derzeitigen Entscheidungsträgern in Washington global und auch im postsowjetischen Raum forcierte Politik des Regime Change hat in bisher ungekanntem Maße die nach dem Zweiten Weltkrieg ausgehandelten Vertragswerke ausgehöhlt, die internationalen Organisationen geschwächt und einer beispiellosen Auflösung völkerrechtlicher Normen Vorschub geleistet. Im Kreml ist man nicht mehr bereit, diese von einer aufdringlichen Arroganz der Macht geprägte Politik weiter hinzunehmen. Somit ist die militärische Intervention Russlands zur Unterstützung der syrischen Regierung zugleich ein nicht zu missdeutendes Signal, dass man in Moskau entschlossen ist, der politischen und militärischen Herausforderung durch den Westen zu begegnen. Moskau empfiehlt sich damit seinen internationalen Partnern als zuverlässiger und militärisch potenter Verbündeter und bringt sich auch für zukünftige Konflikte als Ordnungsmacht ins Spiel.

Autoren: Ralf Rudolph/Uwe Markus

Bildquellen: (Foto: Пресс-служба МО РФ)(Foto: pfc-joker.livejournal.com)(Foto: nevskii-bastion.ru)

(Kommentare: 1)

Zurück

Einen Kommentar schreiben

Kommentar von ped43z |

Ein echter Fund, Ihre Webseite. Super-Recherchen und eine exzellente Quelle, um eigene Artikel zu unterfüttern.
Auch Ihr Artikel zum Abschuss der Su-24 ist hervorragend erarbeitet. Dazu hatte ich mich mal selbst, wenn auch unter nicht so stark unter militärstrategischen Aspekten, auseinander gesetzt:
https://peds-ansichten.de/2015/11/syrien-und-die-demaskierung-des-westens/

Danke und machen Sie bitte weiter!

Beste Grüße - ped43z