Die Türkei und die syrischen Kurden

Die Türkei und die Kurden
Quelle: Collage tvnva, Bildarchiv tvnva, Copyright 2020

Für die Türkei sind die syrischen Kurden der Hauptfeind in dem Nachbarland, weil ein syrischer Kurdenstaat oder eine kurdische Autonomie innerhalb des syrischen Staates die Unabhängigkeitsbestrebungen der in der Türkei lebenden Kurden befördern könnten. Diese Prioritätensetzung hat auch aktuell erheblichen Einfluss auf die Ausrichtung türkischer Militär- und Geheimdienstoperationen in Syrien.

Die völkerrechtswidrige Einmischung der Türkei in den syrischen Bürgerkrieg ist nicht nur auf Bestrebungen Ankaras zurückzuführen, sich in der Region als dominierende Macht zu positionieren. Vielmehr resultieren insbesondere die offenen und verdeckten militärischen und geheimdienstlichen Aktivitäten der Türkei in dem Nachbarland auch aus der Angst vor dem Entstehen eines kurdischen Staates auf syrischem Boden, der wegen der unmittelbaren Nähe zu den Siedlungsgebieten türkischer Kurden deren Unabhängigkeitsbestrebungen befeuern könnte. Damit würde die territoriale Integrität des türkischen Staates zur Disposition gestellt. Trotz aller sonstigen Konflikte ergab sich daher mit Blick auf die syrischen Kurden eine partielle Interessenübereinstimmung der türkischen Führung mit der syrischen Regierung unter Präsident Assad. Auch in Damaskus hatte niemand ein Interesse an der Bildung eines kurdischen Separatstaates oder einer weitgehenden Autonomie des Kurdengebietes. Und Russland ist als Verbündeter Assads an der Erhaltung des syrischen Staates in seiner bisherigen Ausdehnung interessiert.

Angesichts dieser Interessenkonstellation suchten die syrischen Kurden den militärischen Schulterschluss mit den Vereinigten Staaten von Amerika und dienten sich Washington als Bodentruppen für den Kampf gegen den Islamischen Staat (IS) an. Denn die Vereinigten Staaten kämpften nun ebenfalls – wenn auch verhalten – gegen die Terrortruppe. Deren Ausbreitung nach Syrien hatten sie lange Zeit billigend in Kauf genommen und gefördert, um die syrische Regierungsmacht zu destabilisieren. Doch das geopolitische Spiel drohte den Strategen im Pentagon, im State Department und in der CIA-Zentrale in Langley aus den Fingern zu gleiten. Also brauchte man die Kurdenmilizen als Hilfswillige für die Unterstützung des Einsatzes regulärer US-Spezialeinheiten in Syrien. US-Stützpunkte entstanden im Kurdengebiet – und existieren in jenen kurdischen Gebieten, in denen sich Ölfelder befinden, weiterhin. Denn die Ausplünderung syrischer Ölquellen erweist sich als lukratives Geschäft. Hatten sich zuerst die verschiedenen Milizen der von der Türkei unterstützten Freien Syrischen Armee mit Billigung des Westens durch den Verkauf des geraubten Öls finanziert, profitiert nun der US-Konzern Delta Crescent Energy LLC von der völkerrechtswidrigen militärischen US-Präsenz in der Region. Möglich wurde das durch einen Vertrag mit der Organisation Syrisch Demokratische Kräfte (SDF), die kurdisch dominiert ist.

Zwar hatte US-Präsident Trump Anfang Oktober 2019 einen Teilabzug amerikanischer Einheiten aus Syrien angewiesen, doch dieser Truppenabzug wurde von der US-Administration und dem damaligen US-Sonderbeauftragten in Syrien nach dessen eigenem Bekunden hintertrieben. Die US-Einheiten verließen zwar die unmittelbare Grenzregion und machten so den Weg für den Vormarsch türkischer Truppen und islamistischer Milizen frei, doch die Ölfelder der Kurdenregion hielten sie weiter besetzt. Und so stehen nach wie vor reguläre amerikanische Truppen völkerrechtswidrig in Syrien. Sie sorgen zuverlässig für den Abtransport geraubten Öls in den Irak. Allein Mitte November 2020 rollten so 120 Tankfahrzeuge der US-Armee, beladen mit syrischem Öl, unter dem Schutz von Panzern durch die syrische Provinz Hasaka in den Irak. Dieses Öl fehlt dem durch westliche Sanktionen strangulierten Land für den Wiederaufbau. Und weil die Kurdenmilizen angesichts des türkischen Vormarsches nicht mehr die Kraft hatten, die Lager mit gefangen genommenen IS-Kämpfern zu bewachen, werden diese nach aktuellen Medienberichten von den US-Militärs freigelassen und erneut bewaffnet, um wieder gegen die syrischen Regierungstruppen antreten zu können. So versucht Washington erneut, den Krieg in Syrien zu befeuern und eine Normalisierung der Lage zu verhindern.

Die Kurden wurden ungeachtet der weiteren US-Präsenz in Syrien zu strategischen Verlierern des syrischen Krieges. Der Traum von einem Kurdenstaat auf syrischem Boden zerbrach mit dem türkischen Einmarsch in das syrisch-türkische Grenzgebiet und der Einrichtung einer Sicherheitszone zum angeblichen Schutz türkischen Territoriums vor terroristischen Aktivitäten syrischer Kurden. Ein weiteres Kapitel kurdischer Unabhängigkeitsbestrebungen wird so beendet.

Quellen:

Leukefeld, K.: Geopolitische Doppelmoral. Junge Welt, 20.11.2020

Leukefeld, K.: Zerstört und geplündert. Junge Welt, 20.11.2020

Rudolph, R., Markus, U.: Warum Syrien. Berlin 2016

 

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