ANKARAS 5. KOLONNE

Ankaras 5. Kolonne
Quelle: Collage tvnva, Archiv tvnva

Ankaras 5. Kolonne

Übereinstimmenden Pressemeldungen zufolge kamen im Rahmen der türkischen Militärhilfe sowohl in Libyen als auch bei den Kämpfen um die Region Berg-Karabach islamistische Freischärler aus Syrien zum Einsatz. Die türkische Regierung nutzt die von ihr seit vielen Jahren ausgebildeten syrischen Guerilla-Gruppen als Verfügungstruppe zur Durchsetzung ihrer strategischen Vorstellungen in der Region. Mittlerweile gibt es auch Hinweise, dass von der Türkei ausgebildete und ausgerüstete syrische Kämpfer in Zentral- und Südasien im Interesse Ankaras aktiv sind. Eine besondere Rolle spielt dabei die militärische Ertüchtigung uigurischer Rebellengruppen für den verdeckten bewaffneten Kampf gegen die Volksrepublik China. Die kampferfahrenen syrischen Guerilla-Kämpfer werden so zu Multiplikatoren des Terrors und der hybriden Kriegführung.

Gegen die syrischen Regierungstruppen können sich die islamistischen Einheiten allerdings nicht mehr durchsetzen und die Türkei musste die militärischen Realitäten in Syrien zu Kenntnis nehmen. Doch auf das militärische Potential der seit einiger Zeit in der syrischen Provinz Idlib unter massiven Druck geratenen Terrorgruppen will Ankara nicht verzichten. So erfolgte deren Einsatz bereits in Nordsyrien gegen die Kurden, um an der Grenze zur Türkei eine Pufferzone einzurichten und die ethnische Struktur in diesem Gebiet zu verändern. Und mit dem verstärkten militärischen Engagement der Türkei in Libyen und in Aserbaidschan bot sich eine weitere Gelegenheit, unterhalb der Schwelle des Einsatzes regulärer türkischer Truppen die jeweils protegierten Kräfte zu unterstützen.

Die aktuellen Vorgänge haben eine Vorgeschichte: Die türkische Staatsführung hatte zur Durchsetzung strategischer Interessen in der Region insbesondere auf militante Kräfte der in Syrien und im Irak lebenden turkmenischen Minderheiten gesetzt.

Die syrischen und irakischen Turkmenen sind die Nachkommen türkischer Bevölkerungsgruppen, die nach dem Zusammenbruch des Osmanischen Reiches in diesen heute zu Syrien und dem Irak gehörenden Regionen verblieben waren. Während der osmanischen Herrschaft waren türkische Stämme in Syrien angesiedelt worden. Gemäß der osmanischen Siedlungspolitik besetzten die türkischen Siedler wichtige Städte wie Latakia, Aleppo, Homs und Hama. Sie sollten unter anderem den Pilgerweg nach Mekka freihalten und beschützen. Nach dem russisch-osmanischen Krieg von 1877 bis 1878, in dessen Verlauf das osmanische Reich Gebiete auf dem Balkan und im Kaukasus an die Habsburger und den russischen Zaren verloren hatte, siedelten die Osmanen zudem einen Teil der turkmenischen Kriegsflüchtlinge, besonders aus dem Kaukasus, der Ukraine und der Krim, in Syrien an. Viele syrische Turkmenen sprechen inzwischen vorwiegend die syrische Landessprache Arabisch, die meisten beherrschen aber auch noch das Türkische bzw. einen südaserbaidschanischen Dialekt. Volksstämme, die heute als Turkmenen bezeichnet werden, leben auch auf dem Balkan, in Aserbaidschan, im Iran, in Afghanistan, in China, in Pakistan, in Russland und in der Ukraine. In China wird ihre Zahl mit über 100.000 angegeben, in Afghanistan sind es 960.000, im Iran bis zu zwei Millionen, in Pakistan 60.000, in Russland 36.000, in der Ukraine bis zu 4.000. In Turkmenistan leben über vier Millionen Turkmenen, in der Türkei 325.000, die auch als Yörük bezeichnet werden. Türkische Quellen schätzen die Gemeinschaft der Turkmenen in Syrien und Irak auf 750.000 bis 1.500.000.

Unter der Herrschaft des Assad-Clans wurden die syrischen Turkmenen unterdrückt und diskriminiert – wie auch die Kurden – und teilweise gegen andere Bevölkerungsgruppen ausgespielt. Die syrischen Regierungen unter den beiden As-sads verfolgten gegen ihre ethnischen Minderheiten, besonders gegen die Kurden und Turkmenen, eine Arabisierungspolitik. Ihr Ziel war es, im Norden Syriens, an der türkischen Grenze, einen „arabischen Gürtel“ zu etablieren. Turkmenen und Kurden in diesem Gebiet wurden umgesiedelt und sollten so von ihren Verwandten in der Türkei abgeschnitten werden. 1973 wurde mit der Umsetzung des Planes begonnen. 41 neue arabische Dörfer und Orte wurden dort errichtet. In den Dörfern wurden ca. 4.000 arabische Familien aus den Provinzen Rakka und Aleppo, wo sie zuvor ihre Häuser durch die Errichtung der Tabqa-Talsperre verloren hatten, angesiedelt. Bei diesen Maßnahmen wurden ca. zwei Millionen Hektar kurdische und turkmenische Ackerfläche, meist im Besitz von Großgrundbesitzern, enteignet und den neu angesiedelten Arabern zugesprochen. Gemäß dem ursprünglichen Plan sollten darüber hinaus etwa 140.000 Kurden und Turkmenen in die südliche Wüstengegend bei Al-Raad deportiert werden, was jedoch wegen der Intervention ausländischer Diplomaten, die auf den Völkermord der Türkei an den Armeniern zwischen 1915 und 1918 hinwiesen, nicht realisiert wurde. Die im Gebiet verbliebenen Minderheiten hatten jedoch kaum noch Rechte. Es ist deshalb nicht verwunderlich, dass sich die Türkei als Schutzmacht der Turkmenen in Syrien, aber auch aller Turkvölker, von der türkischen Minderheit im Kosovo über jene im Kaukasus und in Mittelasien bis hin zu den Uiguren in China sieht.

Mit dem Ausbruch des Krieges in Syrien erkannte die türkische Führung, welche Optionen zur Projektion militärischer Macht sich aus dieser Situation ergaben. Vor allem die türkische Partei MHP und die türkische Regierung unter Präsident Erdogan propagieren die Vision, alle Turkvölker in einem gemeinsamen Reich zu vereinen. Für diese Vorstellung waren viele Turkmenen in Syrien empfänglich. Die nationalistische Propaganda der Türkei wirkte hier besonders stark, weil die türkische Provinz Hatay 1939 von Frankreich aus Syrien herausgelöst und an die Türkei übertragen wurde, mit dem Argument, dort lebten viele Turkmenen.

Ankara strebt danach, verlorene osmanische Regionen, die es als „natürliches Hinterland“ bezeichnet, zumindest im Sinne von militärisch legitimierten Föderalisierungsprozessen in seinen Machtbereich einzugliedern. In Syrien blickte die türkische Führung dabei vor allem auf die Metropole Aleppo. Die umliegenden Regionen, die Turkmen-Berge in Latakia, die Provinzen Idlib und Aleppo werden als notwendige Landverbindung und türkische Brücke in die arabische Welt betrachtet. Vor allem jene Turkmenen, die nahe der syrisch-türkischen Grenze lebten, waren und sind sich der türkischen Identität noch bewusst. Auf dieser Grundlage sorgte die Türkei für die politische Ausrichtung und militärische Ertüchtigung der Turkmenen in dem Nachbarland. Die Organisationen der syrischen Turkmenen wurden erst nach Beginn des syrischen Bürgerkrieges mit massiver Unterstützung der türkischen Regierung in Istanbul gegründet. So entstanden auch die syrischen Turkmenenbrigaden. Die Einheiten wurden fast alle nach Sultanen des Osmanischen Reiches benannt. Die Türkei entsandte Militärspezialisten nach Syrien, um die turkmenischen Milizen auszubilden und zu führen.

 Turkmenische Brigade, Quelle: Archiv tvnva

Die turkmenische Brigade der Alwiya al-Ashar in den Turkmen-Bergen

 

Aus der Türkei schlossen sich ihnen zusätzlich Hunderte Freiwillige an.

Etwa 10.000 Turkmenen kämpften seit Beginn des Krieges in den syrisch-turkmenischen Brigaden, die nur lose miteinander verbunden waren, vorwiegend gegen die reguläre syrische Armee und die Kurden, weniger gegen den IS. Die größten Einheiten operierten dabei in der nördlichen Provinz Aleppo.

Die Regierung in Ankara erlaubte den syrischen Turkmenenbrigaden sogar den Grenzübertritt. Sie konnten so auch von türkischem Boden aus operieren. Es war offensichtlich, dass die Türkei die Turkmenen als Gegengewicht zu einer möglichen autonomen Kurdenprovinz nach Beendigung des Krieges aufbauen wollte. Besonders südlich der türkischen Provinz Hatay waren Kämpfer der turkmenischen Brigaden auf syrischem Gebiet zur Absicherung der IS-Schmuggeltransporte in die Türkei im Einsatz. Die turkmenischen Einheiten arbeiteten hier auch mit der Al-Nusra-Front zusammen. Aus Sicht der Verantwortlichen in der Türkei war entscheidend, dass diese Gruppen gegen die syrischen Kurden und die Regierungstruppen vorgingen. Der Kampf gegen den IS war zweitrangig – war doch die Türkei selbst in verdeckte Geschäfte mit der Terrororganisation verstrickt. Die turkmenischen Einheiten wurden mit Waffen versorgt, die teils von der CIA stammen. Der türkische Geheimdienst MIT koordinierte den Einsatz der türkischen Militärberater und die Aktivitäten der von der Türkei gestellten Kommandeure vieler turkmenischer Einheiten. Ankara wollte so unterhalb der Schwelle einer offenen Militärintervention auf den Verlauf des Krieges Einfluss nehmen und vor allem die Entstehung eines Kurdenstaates verhindern.

Die Entschlossenheit, mit der seit Ende 2015 die Offensivoperationen der syrischen Armee im Norden des Landes vorangetrieben wurden, zeigte, dass man in Damaskus eine schnelle militärische Entscheidung suchte. Ankara musste nun akzeptieren, dass die bisherige Politik der verdeckten Kriegführung in dem Nachbarland gescheitert war. Die nordsyrische Provinz Idlib wurde schließlich aufgrund pragmatischer Absprachen zwischen der syrischen Regierung, Russland und der Türkei zur letzten Zuflucht der in Aleppo und anderen Landesteilen militärisch in Bedrängnis geratenen islamistischen Terrormilizen. Die Türkei war nicht in der Lage, die von ihr unterstützten sogenannten gemäßigten Guerilla-Gruppen von anderen, noch radikaleren Rebelleneinheiten zu trennen. Vielmehr schickten sich die noch in dem Gebiet verbliebenen islamistischen Kämpfer an, sich umzustrukturieren und neue Offensiven vorzubereiten. Diese Versuche wurden von syrischen Truppen mit russischer Unterstützung unterbunden. Vorstöße der Regierungstruppen in das Rebellengebiet führten auch dazu, dass dortige türkische Beobachtungsposten eingeschlossen wurden. Es war für die türkische Regierung absehbar, dass die in der Provinz noch aktiven Rebelleneinheiten zunehmend auf verlorenem Posten kämpfen. Und die Türkei kann wegen der russischen Unterstützung für die Assad-Regierung gegen diese Entwicklung nicht offen intervenieren, will sie nicht das Verhältnis zu Russland über Gebühr belasten. Also arrangierte sich Ankara offenbar mit diesen Gegebenheiten und setzt nun zunehmend syrisch-turkmenische islamistische Kämpfer überall dort ein, wo die Türkei verdeckte militärische Operationen durchführt. Diese Entwicklung erhöht in der Region die Instabilität und die Terrorgefahr, was westlichen Regierungen nicht gleichgültig sein kann. Doch gegen den unverzichtbaren NATO-Partner Türkei, den man von einem zu engen Schulterschluss mit Russland abhalten will und den man zur Blockade der Fluchtrouten in die EU braucht, sind die Einflussmöglichkeiten des Westens minimal.

Quelle: Rudolph, R. , Markus, U.: Warum Syrien. Berlin 2016

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